Vital im Alter, dank Taiji

Der Körper ist bis ins hohe Alter veränderbar

Wir leben in einer Zeit, in der die medizinischen Möglichkeiten sich zu einem extrem hohen Grad entwickelt haben. Diagnostik und Behandlung werden dank hochsensiblen Geräten und einer noch nie dagewesenen Sammlung von Daten stetig weiter entwickelt und man könnte meinen, dass uns da kaum Grenzen gesetzt werden. Dieser technische Fortschritt mit all den Möglichkeiten könnte uns dazu verleiten, die eigenen Möglichkeiten der Gesunderhaltung zu unterschätzen oder zu vernachlässigen. Es ist vielleicht auch noch zu wenig bekannt, dass sich Körper und Gehirn bis ins hohe Alter umformen lassen. Der Körper resp. der Organismus ist nicht fest und statisch, sondern wandelt sich ständig. In jeder Millisekunde wird der Schwingungszustand in unserem Körper verändert und kann so jederzeit umtrainiert werden.

In diesem Artikel wollen wir an zwei-drei Beispielen aufzeigen, wieso Taiji neben vielen anderen Vorzügen unsere Gesundheit nachhaltig verbessern kann.

Was ist Taiji und wie wird es geübt?

Man könnte das Taiji auch Yoga in Bewegung nennen. Das Auffälligste beim Betrachten von Uebenden sind die langsamen und fliessenden Bewegungen, die kontinuierlich in aufgerichteter Haltung begleitet von einem rhythmischen Steigen und Sinken ausgeführt werden. Beim genauen Hinschauen sieht man wellenförmige Kraftübertragungen, welche die Muskeln, Faszien und die Körperflüssigkeiten (Blut, Lymphe, extrazelluläre Matrix) sanft und doch mit viel innerer Kraft bewegen. Um den wirklichen Nutzen dieser sanften Bewegungen zu erkennen, müssen wir nach Innen schauen!

Im Alltag funktionieren die meisten Menschen gewohnheitsmässig über das alltägliche Gehirnbewusstsein. Eine Bewegung wird im Moment der Handlung oder kurz danach, mehr oder weniger achtsam wahrgenommen, ohne dass die wichtigen inneren Steuerungen erkannt und kontrolliert werden. Schauen wir uns diesen Ablauf im Detail an, erkennen wir, dass vor der Bewegung eine Absicht da sein muss. Diese Absicht aktiviert unser Nervensystem und schickt elektrischen Ladungen und Hormone durch den Körper, was dazu führt, dass das Körpersystem aktiviert und energetisiert wird. Dann erst bewegen wir uns! Dies läuft unbewusst in Bruchteilen von Sekunden vor und während der Bewegung ab.

Im Taiji versucht man sich dieser einzelnen Schritte bewusst zu werden. Dies ist der Grund, wieso die  Bewegungen langsam ausgeführt werden, denn nur dank der reduzierten Geschwindigkeit  können Aktionen, die sonst in Millisekunden ablaufen willentlich wahrgenommen und gesteuert werden.

Es geht also darum jede einzelne Bewegung so auszuführen, dass die erste Absicht, die Intention mit der damit einhergehenden Aktivierung des Nervensystems und der Aktivierung der  Muskeln wahrgenommen wird. Das wertvolle an dieser Trainingsform ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit nach Innen, denn dabei wird unser denkendes Gehirn beruhigt, dafür unsere Propriozeptoren (innere Eigenwahrnehmung)  geschärft, was den inneren Raum so öffnet, dass wir viel mehr wahrnehmen als es normalerweise im Alltag möglich ist. Diese Verlagerung nach innen kann praktisch unendlich fortgesetzt werden und führt nicht nur zu einer grösseren Entspanntheit, sondern kann dazu führen, dass wir unser Körperenergiefeld entdecken und Funktionen bewusst steuern können. Zugegeben, es braucht einen erfahrenen Lehrer, der uns in diese tieferen Zustände führen kann, aber es ist für jeden, Geduld und Fleiss vorausgesetzt, möglich dies zu erreichen und somit den inneren Raum zu öffnen und immer weiter auszudehnen. Um einen praktischen Bezug dieser alten traditionellen Kunst zu unserer Gesundheit aufzuzeigen,  lenken wir die Aufmerksamkeit auf drei konkrete Beispiele, die darstellen, wieso der rhythmische Ablauf dieser Bewegungsform ein grosses Potential für unsere Gesundheit darstellt.

Gelenke:

Die Gelenke sind Verbindungen von Knochen, welche  von Bändern, Sehnen und Muskeln und Faszien umgeben sind. Das Knorpelgewebe ermöglicht ein sanftes gleiten oder rotieren der Gelenksflächen. Wird dieses Knorpelgewebe geschädigt, sprechen wir von  Arthrose. Es gibt verschiedene Gründe dieser Abnutzung.  Der eine Grund ist sicher eine Über-beanspruchung gewisser Gelenksbereiche, welche über Jahre hinweg, durch eine nicht lotrechte Körperstruktur begünstigt wurde. Jede Form von Hektik und Stress führt zu einer Kontraktion der Muskeln.  Auch ein belastender Gedanke setzt eine Flut von hormonellen Botenstoffen in Gang, welche das Nervensystem überlasten und  die Muskulatur verspannen lässt. Da die meisten Menschen verlernt haben, wieder zu entspannen, verfestigen sich solche Verspannungen oder Verkürzungen zu einer immer schwieriger zu lösenden Struktur und beeinflussen so unsere Körperhaltung. So werden die Gelenksflächen zum Teil zu stark oder einseitig stark aneindander gedrückt und  dabei punktuell abgenutzt. Da die Gelenke jedoch von Bändern, Sehnen und Muskeln umgeben sind kann diese elastische Struktur verändert werden! Im Taiji lernt man den Körper wieder zu entspannen und als elastisches Gebilde wahrzunehmen. Die mentale und körperliche Entspannung führen dazu, dass Gelenke und Wirbelsäule wieder frei und durchlässig werden. Dabei wird auch das Bindegewebe (Faszien) wieder elastisch.  Der Körper hat also durchaus die Möglichkeit den Gelenken wieder mehr Platz zu verschaffen und sich so zu regenerieren. Mit dem Verändern der Haltung geben wir zudem eine wichtige Rückmeldung für unser seelische Befinden, denn die Körperhaltung steuert unser Wohlbefinden ebenso, wie umgekehrt unser psychisches Befinden, die Haltung beeinflusst.

Sauerstoff:

Ohne Sauerstoff ist kein Leben möglich. Dieser Lebensstoff ist die Nahrung für die Kraftwerke in den Zellen, er regelt den Stoffwechsel und gilt als bester Helfer bei Krankheiten. Wir nehmen den frischen Sauerstoff über die Atmung auf und geben Kohlenstoffdioxid wieder ab, welches über die Natur wieder in Sauerstoff umgewandelt wird. Bei einer normalen Atmung brauchen wir nur ca. 500 – 700 cm3 des totalen Lungenvolumens, welches bei 3’000 – 4’000 cm3 liegt. Dies zeigt, dass wir bei einer Erhöhung dieser Kapazität die Gesundheit und die Regeneration nachhaltig verbessern können. Bei den meisten sportlichen Aktivitäten wird zwar das Atemvolumen verbessert, den Zellen stehen aber trotzdem nicht mehr Sauerstoff zur Verfügung, da die Aktivitäten vielfach mehr benötigen als schlussendlich für den Körper übrig bleibt. Hier liegt der grosse Vorteil von Taiji und hier liegt sicher eines der Geheimnisse, wieso sich 100-jährige Taiji Meister immer noch agil und kraftvoll bewegen können. Die vertiefte Atmung und das rhytmische Bewegen vitalisiert jede Zelle und das ganze Geflecht der Faszien und der extrazellulären Matrix was zu einer wirklichen Regeneration und Verjüngung des Körpers führt.

Lymphe / Faszien:

Die Lymphflüssigkeit ist wichtig für die Regulation des Immunsystems. Da die Lymphlüssigkeit keinen autonomen Antrieb hat, muss der Körper bewegt werden, um durch den Druck der Muskelkontraktion diese wichtige Flüssigkeit durch den Körper zu pumpen. Im Taiji führen die sanften Kräftewellen dazu, dass die Lymphflüssigkeit ständig fliesst und so den Körper optimal versorgt was das Immunsystem nachhaltig stärkt. Das Gleiche gilt für die Bewegung der Faszien – des Bindegewebes – welche jede Muskelfaser, jeden Knochen, alle Organe ja sogar jede Zelle umschliesst. Dieses feine Häutchen wird nur dank der Bewegung frei von Verklebungen sein und kann über ein geeignetes Training wieder zu neuer Elastizität führen. Diese Erkenntnisse sind relativ neu, hat man doch früher das Bindegewebe kaum untersucht und kaum Bedeutung zugemessen. Heute weiss man, dass gerade bei chronischen Schmerzen, Verklebungen im Bindegewebe eine entscheidende Rolle spielen.

Da der Mensch immer älter wird, nehmen vielfach auch die chronischen Krankheiten zu. Es ist daher wichtig Lebensformen und Bewegungsformen zu finden, die die Qualität des Lebens im Alter verbessern können. Taiji wird zunehmend in den Fokus der Medizin gerückt, da diese Kunst für Junge und ältere Menschen, Mann und Frau  gleichermassen geeignet ist und da die Vorzüge weit über die erwähnten Beispiele hinausgehen.

Es gibt verschiedene Schreibweisen, wie Taiji, Taijiquan, Tai Chi oder Tai Chi Chuan. Die reinste Form des Taiji ist eine tief verwurzelte daoistische Kunst, welche auf die Beherrschung der Körperenergien zielt, als Kampfform geübt wird, wie auch auf die spirituelle Entwicklung hinarbeitet. Der Ursprung dieser Kunst führt uns zu Zhang Sanfeng, einem daoistischen Mönch, der vor ca. 1000 Jahren im Wudan Gebirge gelebt hat. Später entwickelten sich Familien Stile, wie „Yang-Stile, Chen-Stil, Wu-Stil, da man das Wissen nur an Mitglieder des eigenen Clans weitergeben wollte. Noch heute werden diese Stile unterschieden. Im Westen ist der Yang Stil der bekannteste Stil, der dank Prof. Chen Man Ching zu grosser Bekanntheit führte. Es liegt an der Komplexheit dieses Systems, dass nur wenige Leute, die reine Form gelernt haben, so dass in heutiger Zeit die meisten Vertreter dieser Kunst nur einen Teilaspekt weitergeben können. Auch in China, im Ursprungsland des Taiji, wo Millionen von Menschen täglich die langsamen und fliessenden Bewegungen frühmorgens in den Pärken ausführen, gibt es nur noch wenige Vertreter der wirklichen Kunst, da Taiji während langer Zeit unterdrückt wurde und nur noch im Untergrund oder ausserhalb China’s sich weiterentwickeln konnte. Was meistens übrigblieb, sind die äusseren Bewegungen, ohne tiefen Bezug und ohne das lange geheimgehaltene innere Wissen. Einer der wenigen westlichen Lehrer, welcher diese Kunst während Jahrzehnten unter einem Chinesischen Meister in seiner reinsten Form gelernt hat ist Patrick Kelly, ein Mathematiker aus Neuseeland. Er hat sein ganzes Leben der Erforschung dieser daoistischen Kunst verschrieben. Sein Lehrer musste damals aus China flüchten, um zu überleben, daher setzte sich Patrick Kelly das Ziel, das Wissen zurück zum Ursprung, nach China zu bringen. Er lebt und unterrichtet zur Zeit in Shanghai, kommt aber für Seminare mehrmals pro Jahr in die Schweiz. http://www.nineclouds.cn

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